Autor Thema: Produktion von Hörfunksendungen im Jahr 2008  (Gelesen 2332 mal)

Offline Manuel

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Produktion von Hörfunksendungen im Jahr 2008
« am: 04. Feb. 2008, 13:53 »
Hallo!

Hier ein paar Worte zur Produktion von Hörfunk, wie sie gegenwärtig abläuft:
In analogen Studios, wie sie bis in die Neunziger Jahre hinein üblich waren, wurde eine große Menge physisches Material bewegt, wie z.B. Tonbänder und Schallplatten mußten aus dem Archiv beschafft und vorbereitet werden. Aufnahmeleiter und Tontechniker waren für den störungsfreien Programmablauf zuständig, wobei sie sich am Sendeplan orientierten.

Heute erfolgt nicht nur die Programmvorbereitung, sondern auch die Abwicklung nahezu ausschließlich über Computer. Zentrales Instrument ist der digitale Sendeplan, eine spezielle Software, die alle Programmelemente enthält, die während einer Sendung benötigt werden. Der Sendeplan ist mit einer Liste vergleichbar, die eine Vielzahl von Audiodateien enthält, die sich in verschiedenen Archiven (Programmordnern auf diversen Festplatten innerhalb des Hausnetzes oder Intranets) befinden. Sie können im Idealfall von jedem beliebigen PC innerhalb des Senders aufgerufen und abgespielt werden. Der digitale Sendeplan listet diese Komponenten chronologisch auf und kann sie entweder vollautomatisch oder per Mausklick abspielen. Musiksammlungen, Jingles und diverse Wortbeiträge liegen als Audiodateien auf Festplatten bereit.

Der Sendeplan kann dabei vollautomatisch, teilautomatisch oder zur Gänze von Hand programmiert werden. Reine Musikstrecken werden meist automatisch unter Einhaltung spezieller Kriterien erstellt. Der Redakteur gibt z.B. ein, welche Art von Musik gespielt werden soll und gibt gegebenenfalls die "Rotation“ vor, bei der errechnet wird, nach wievielen Stücken ein Titel wiederholt werden kann. Die Musiktitel sind mit digitalen Metadaten (vergleichbar den MP3-Tags) versehen, die bestimmte Kriterien wie Musikstil, Geschwindigkeit oder Zielgruppe vorgeben. Nach diesen Kriterien kann der PC das Musikprogramm selbsttätig generieren, selbstverständlich können jederzeit Musikstücke "per Hand“ eingefügt werden, die flexibel in die Playlist eingebaut werden. Auch Jingles und Wortbeiträge werden in diesem Fall nach vorgegebenen Kriterien automatisch ins Programm eingefügt.

Die Wortbeiträge unterteilt man grob in Moderation, Jingles, Werbespots und andere Wortbeiträge, zum Beispiel Korrespondentenberichte oder Rubriken. Dazu kommen noch die Nachrichten und Servicebeiträge wie Wetter- oder Verkehrsbericht. Wegen der Aktualität werden Nachrichten, Moderation oder Servicebeiträge erst kurzfristig erstellt oder sogar live eingespielt (z.B. aus dem Nachrichtenstudio). Für diese Beiträge werden im Sendeplan sog. "Platzhalter“ eingebaut, die auf keine konkrete Datei verweisen, sondern später durch zwischenzeitlich angefertigte Programmbestandteile (z.B.: "Beitrag 1“) oder Live-Beiträge ersetzt ("aktualisiert“) werden.

Die Software kann zu bestimmten Zeiten selbstständig das laufende Programm unterbrechen und einen speziellen Audiostream (z.B. Nachrichten) übernehmen oder abgespeicherte Zeitansagen aufrufen. Anschließend kehrt das Programm zur Musikroutine zurück. Dieses Prinzip findet man häufig in den Nachtprogrammen kleinerer Privatsender oder in Nonstop-Musikschleifen. Viele Programmelemente werden zur Gänze vorproduziert und können jederzeit von der Festplatte abgerufen werden (z.B. Features, Magazine, moderierte Musiksendungen).

Mittlerweile werden scheinbar live moderierte Ansagen vorproduziert und als Aufzeichnung ins Programm eingefügt (Voice-Tracking). Diese Methode kommt insbesondere bei Privatsendern zum Einsatz und wird meist aus Kosten- (sämtliche Ansagen werden am Stück produziert und erst später unter die Musik gemixt, obwohl kein Moderator anwesend ist) und Effizienzgründen ("saubere“, versprecherfreie Moderation) angewandt. Öffentlich-rechtliche Hörfunkprogramme verwenden vergleichbare Verfahren oft im Abendprogramm. Um Zeit einzusparen werden bei manchen werbefinanzierten Popstationen gelegentlich Musikstücke gepitcht. Dabei wird die Abspielgeschwindigkeit leicht erhöht, um in einer Sendestunde trotz häufiger Werbeunterbrechungen mehr Musiktitel unterzubringen, oder um die Länge eines Musikstückes den knappen Zeitvorgaben anzupassen.

Leider gehört auch Antenne Bayern zu den Sendern, die Musiktitel nicht nur drastisch kürzen, sondern zudem stark verfälschen und Eingriffe in die Komposition und in den Arrangements vornehmen, z.B. wird die dritte Strophe herausgeschnitten oder andere Passagen entfernt, um die "richtige" Länge zu erreichen.

Live-Sendungen kommen mitunter ohne exakten Sendeplan aus, statt dessen wachen Moderatoren und Sendetechniker über die genaue Einhaltung des Zeitplans. Die Zuspielung vorbereiteter Beiträge oder die Anwahl bzw. Vorbereitung der Musiktitel erfolgt nahezu immer am PC. Der Live-Moderator genießt heute eine große Freiheit beim Arrangieren vorbereiteter und (z.B. bei Wunschsendungen) direkt aufgerufener Musiktitel.

Die Sendeabwicklung
Ähnlich wie beim Fernsehen ist der Schaltraum das Zentrum der technischen Sendeabwicklung und zugleich Knotenpunkt aller ein- und ausgehenden Tonsignale. Unter einem Tonsignal versteht man in erster Linie das sendefähige Endsignal, das direkt zu den Sendeanlagen weitergeleitet wird, daneben aber auch eingehende Beiträge von Korrespondenten, Außenstudios, Partnerstationen oder Übertragungswagen. Kleinere Stationen übernehmen die Nachrichten und diverse Mantelprogramme (z.B. moderierte Nachtprogramme) häufig von externen Dienstleistern, die Zuführung erfolgt meist über Satellit, in zunehmendem Maße auch online.

Viele kleine Hörfunkstationen im kommerziellen Sektor arbeiten eng zusammen. Sie produzieren viele Beiträge gemeinschaftlich oder übernehmen ganze Sendestrecken von einem gemeinsamen Rahmenprogramm. Diese Radiosyndikate, die nach amerikanischem Vorbild entstanden sind, gibt es unter anderem in Bayern (BLR) und Nordrhein-Westfalen (Radio NRW). Sie produzieren als eigenständiger Dienstleister Nachrichten und Wortbeiträge, unterhalten ein eigenes Korrespondentennetz und produzieren ein oder mehrere Mantelprogramme, die von den Lokal- und Spartensendern zu bestimmten Zeiten übernommen werden. Die finanzielle Beteiligung an den Syndikaten richtet sich meist nach der Sendergröße (Marktanteil und Reichweite).

Die ARD betreibt ihren hocheffizienten Programmaustausch innerhalb eines eigenen technischen Netzwerks, des ARD-Sterns. Der Datenaustausch erfolgt über das HYBNET, ein extrem breitbandiges Intranet, an das sämtliche Rundfunkanstalten der ARD angeschlossen sind. Technischer Knotenpunkt ist das ARD-Sendezentrum in Frankfurt am Main.

Viele Radiostationen verwenden bei der Signalaufbereitung Soundprozessoren. Damit lässt sich z. B. das Sendesignal optimal an den vorgegebenen UKW-Spitzenhub von 75 khz anpassen. Die Radiosender benutzen zur Beeinflussung der Klangdynamik Kompressoren, manche Stationen verwenden sie auch zur Kreation typischer „Sounddesigns“. Stark komprimierte Programme klingen oft „gequetscht“ und unnatürlich.

Digitale Hörfunksignale werden mit Analog-Digital-Umsetzern (A/V-Wandler) aus dem analogen Audiosignal erzeugt und mit einem der gängigen MPEG-Verfahren komprimiert. Vor der Weiterverbreitung über Satellit und/oder Kabel bzw. DAB-T werden die Einzelsignale mithilfe sog. Multiplexer mit anderen Signalen (Fernsehprogramme, andere Radioprogramme, Datendienste) zu einem einheitlichen Transportstrom kombiniert. Die Senderzuführung erfolgt bei den meisten ARD-Programmen und mehreren Privatradios direkt über Satellit.
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Viele Grüße,
Manuel