Autor Thema: Ärgernis bei ZDF.kultur - der "Retro"-Rahmen; Öffentlicher Brief ans ZDF  (Gelesen 4061 mal)

Offline Manuel

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Zitat von c.n.-tonfilm

Zwangsrahmen bei Klassikern - Fehlentscheidung bei zdf.kultur

Sehr geehrter Herr Schächter,
sehr geehrter Herr Dr. Langenstein,
sehr geehrter Herr Polenz,
sehr geehrter Herr Bergmann,
sehr geehrter Herr Fiedler,

gestatten Sie bitte, dass ich mich heute in einem offenen Brief an Sie wende in Ihren Funktionen als Intendant des ZDF, Chef von zdf.kultur, Vorsitzender des Fernsehrats, ZDF-Koordinator Kultur und Programmchef von zdf.kultur.

Seit Bestehen war ich treuer Zuschauer des ZDF Theaterkanal und habe dort vor allem die Wiederholung von klassischen ZDF-Sendungen der 60er bis 80er Jahre besonders geschätzt. Da den Ankündigungen zu entnehmen war, dass im Nachfolgesender zdf.kultur nostalgische Programme ebenfalls regelmäßig ausgestrahlt werden sollen, fiel mir der Abschied vom liebgewonnenen Theaterkanal zunächst nicht ganz so schwer.

Schockiert mußte ich zusammen mit vielen anderen Zuschauern mit Aufnahme des Sendebetriebs von zdf.kultur nun feststellen, dass ab sofort das Bild aller Fernsehklassiker bzw. alten Sendungen nur noch in einer durch einen grünen Rahmen beschnittenen und verstümmelten Weise ausgestrahlt wird.

Laut Sendersprecherin Andrea Steinle will zdf.kultur damit seinen "Zuschauerinnen und Zuschauern die Betrachtungswirklichkeit damaliger TV-Geräte (...) simulieren.“ Programmchef Daniel Fiedler erklärte dazu: „Der Rahmen visualisiert die Sehgewohnheiten der 80er. Alte Serien in 4:3 auf dem Plasmaschirm zu gucken, das ist unnatürlich. So sahen sie nämlich nie aus. Der Rahmen bringt uns die Optik des guten, alten Röhrenfernsehers zurück - so sah man "Dalli Dalli" eben früher. Wir haben also keinen Knall, sondern sind hier ganz traditionsbewusst. Ein Fernsehexperiment mit dem Blick zurück."

Wer ernsthaft so argumentiert, verwechselt Nostalgie mit Rückschritt. Herr Fiedler verkennt grundlegend, dass Nostalgie gerade nicht bedeutet, sich nach fehlendem Strom und Wasser oder dem Plumpsklo auf dem Hof zurückzusehnen, sondern ein Bedürfnis nach innerer Rückbesinnung auf vergangene Werte ausdrückt. Die Mehrheit der Konsumenten möchte genau das, was Herr Fiedler uns Zuschauern bisher kategorisch verweigert: Gutes von Gestern in bestmöglicher Qualität und in unbeschnittenem Original-Bildformat in digitalen Abtastungen mit der Technik von heute auf dem großen Bildschirm genießen.

Das das Sinn macht und sogar Erfolg bringt, beweisen nicht nur aufwendig restaurierte DVDs und Blu Rays alter Spielfilm- und Serienklassiker, sondern auch ein Fernsehsender wie arte. Die Kultserie „The Prisoner“ wurde dort erstmals in brillianten Neuabtastungen von überwältigender Qualität gezeigt und stieß auf ungeheuere Resonanz. arte wurde mit guten Quoten und positiver Imagewahrnehmung belohnt und die Ausstrahlung geriet zu einem echten Fernseh-Ereignis. In Foren und Feuilletons wurde eifrig diskutiert. Zuschauer, die die Serie von früher kannten, waren verblüfft, was es - im wörtlichen Sinne - in den Bildern plötzlich zu entdecken gab. Junge Zuschauer erlebten, dass Fernseh-Nostalgie nichts mit „Mottenkiste“ zu tun haben muß. Damit ist es arte gelungen, eine echte Brücke vom Früher ins Heute zu bauen. Hier wurde dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben, eine unvoreingenommene Entdeckungsreise in vergangene Fernsehjahre zu unternehmen, sich zum Nachdenken anregen zu lassen und aus dem Gesehenen eigene Schlüsse und Lehren zu ziehen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die bewußte Entscheidung der Redaktion zdf.kultur, nun auf mutwillig schlechte Präsentation und Verstümmelung von Kulturgut zu setzen, als ein völlig verfehltes Signal und eine Bankrotterklärung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland. Bei einem Film von Hitchcock würde heute niemand auf die Idee kommen, nachträglich Spratzer und Laufstreifen in den Film einzublenden, weil die seinerzeit bei der Projektion in einem Vorstadtkino auch zu sehen waren. Das Schaffen eines aufrechten Mannes wie z.B. Hans Rosenthal oder die Regie-Arbeiten von „Kommissar“ Erik Ode haben eine derartige Behandlung genauso wenig verdient.

Hinzu kommt, dass die Manipulation von Klassikern der Fernsehunterhaltung im Programmplatz „ZDFkult“ durch die Zwangsberahmung in mehrfacher Hinsicht diskriminierende Wirkung hat. Diskriminiert wird zum einen ausgerechnet die kleine Zuschauerschaft eines Nischenprogramms mit unter 1% Marktanteil, das sich für historische Programminhalte interessiert, die in anderen Kanälen ohnehin rar geworden sind. Diskriminiert wird zum zweiten aber auch der ursprüngliche Programminhalt selbst, da von dritter Seite eigenmächtig nachträglich ein schwerwiegender Eingriff in Substanz und Gehalt der Sendungen vorgenommen wird. Der Eingriff wurde durch die ursprünglichen Urheber dieser Produktionen weder legitimiert noch autorisiert.

Der Sender zdf.kultur drängt sich mit dieser Aktion lediglich selbst in den Vordergrund, hält damit die Präsentation für wichtiger als den kulturellen Gehalt und stellt dadurch unverhohlen zur Schau, dass er Kulturschaffen nicht achtet und wertschätzt, sondern lediglich zur eigenen Selbstdarstellung mißbraucht. Genau dies bestätigt auch die offizielle Stellungnahme von Andrea Steinle: „Auch wenn der Grafikrahmen für einige Zuschauer befremdlich wirken mag, ist er wichtiger Bestandteil der Programmstrecke "ZDFkult". (…) Der Rahmen ist nur während der Programmstrecke "ZDFkult" geschaltet und überdies Bestandteil des Gesamtdesignkonzeptes von ZDFkultur. Hierfür bitten wir Sie um Verständnis.“

Nein! Für selbstzweckhafte Eingriffe in fremdes Kulturschaffen haben wir gerade auf einem vorgeblichen „Kultursender“ kein Verständnis! Die Zeit, als man Cinemascope-Filme für die Ausstrahlung im Fernsehen an den Seitenrändern brutal um bis zu 50% des Bildes beschnitt, liegt offenbar schon zu lange zurück, als das daraus heute noch Lehren im umgekehrten Sinne gezogen werden würden. Ein verantwortungsvoller Umgang mit den klassischen Fernsehprogrammen würde vielmehr beinhalten, diese in Ihrer Integrität zu erhalten und in technisch bestmöglicher Qualität öffentlich zugänglich zu machen. Die Ausstrahlung einer Kultserie wie „Mit Schirm, Charme und Melone“ würde z.B. auch auf arte mit vergleichbarer Zwangsberahmung weder Erfolg haben noch Zuspruch finden.

Es stellt sich die Frage, warum also die Diskriminierung durch Verstümmelung sich ausgerechnet und ausschließlich gegen die Zuschauer eines Nischensendeplatzes mit dem Interesse für alte Fernsehklassiker richtet. Viel naheliegender wäre doch, aktuelle Eigenproduktionen von zdf.kultur durch ein entsprechendes „Gimmick“ - z.B. mit der Umrahmung des Fernsehbilds durch einen stilisierten Ipod – auszustatten. Hier läge die Entscheidung über Inhalt und Präsentationsform dann auch einheitlich in Händen der Urheber selbst. Man unternimmt dies natürlich nicht, weil klar ist, dass es z.B. bei aktuellen Unterhaltungsserien für eine solche Umrahmung genauso wenig Akzeptanz geben würde, wie bei alten Klassikern.

Mittlerweile erhärten sich die Verdachtsmomente, dass die Zwangsberahmung in Wirklichkeit auf Druck der privatwirtschaftlichen Firma ZDF Enterprises, die die Lizenzen von ZDF-Sendungen vermarktet, hinzugefügt werden mußte. Im Hintergrund könnte das finanzielle Interesse stehen, die Ausstrahlungen für den Zuschauer bewußt unattraktiv zu halten und dadurch die Absatzchancen für DVDs zu erhöhen. Damit würde faktisch ein Weg gefunden, den Gebührenzahler für einen Inhalt, für den er bereits bezahlt hat, ein zweites Mal zur Kasse bitten zu können. Wer das Programm ohne Rahmen sehen will, muß ab sofort DVDs kaufen. Ein solches Vorgehen würde in jedem Fall einen schweren Verstoß gegen den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag darstellen. Befremdlich ist, dass dieser Punkt in den bisherigen Stellungnahmen von zdf.kultur bislang komplett ausgeklammert wurde. Die Kollegen von arte haben das übrigens nicht nötig. „Mit Schirm, Charme und Melone“ wurde inzwischen sogar wiederholt und steht als Ausstrahlung trotzdem nicht in Konkurrenz zur DVD-Vermarktung.

Beim telefonischen Kontakt mit einem genervten und überforderten Mitarbeiter der Zuschauerredaktion erhielt ich die Auskunft, dass letzte Woche täglich rund 600 Beschwerden gegen den Rahmen per Telefon, Mail und auf weiteren Kommunikationswegen beim ZDF eingingen. Diese hohe Anzahl an Beschwerden ist umso repräsentativer, da die Einschaltquoten für den entsprechenden Programmplatz derzeit unter der Meßschwelle von 5000 Zuschauern liegen. Dennoch zeigte man kein Einlenken und stellte sich weiterhin stur und ignorant gegen das Interesse der Zuschauer und Gebührenzahler, wie das Interview mit Herrn Fiedler am 13. Mai bei sat+kabel beweist.

Nach wie vor hat heute jeder Zuschauer die Möglichkeit, alte und neue Programme seiner Wahl auch auf einem Röhrengerät zu sehen, wenn er dies wünscht. Es besteht darüber hinaus keine Veranlassung, der Mehrzahl der Zuschauer, die moderne Geräte für Ihren Fernsehkonsum nutzen und bevorzugen, einen bestimmten, rein subjektiven Blickwinkel in bevormundender Weise aufzuzwingen.

Die Bilanz nach der ersten Woche zdf.kultur: Kulturbolschewismus statt Qualität und blitzschnelle Beerdigung aller guten Tugenden des alten ZDF Theaterkanal. zdf.kultur versucht sich im Moment auf verkrampfte Weise trendig und pseudo-hip zu geben und mit der Brechstange die aufgepfropften Manierismen der Privaten nachzuäffen. In Wirklichkeit macht man sich nur unglaubwürdig und lächerlich - und und bemerkt dies scheinbar nicht einmal.

Die wichtigste Frage aber lautet: Wer soll so eigentlich Zielgruppe des neuen Senders sein? Nostalgieliebhaber und Retro-Fans lehnen die Verstümmelung rundum ab. Jugendliche Zuschauer haben an alten Sendungen entweder generell gar kein Interesse oder sehen sich solche Programme selbstverständlich nur dann an, wenn sie in guter Qualität ausgestrahlt werden. Mit dem aufdringlichen Rahmen auf teuren Plasma-Bildschirmen fühlen sich also Nostalgiker wie junge Zuschauer gleichermaßen gestört und für dumm verkauft. Mit der derzeitigen Bevormundung durch den Zwangsrahmen verprellen zdf.kultur und sein Programmchef Herr Fiedler im Moment folglich beide Zielgruppen.

Auch wenn ich viele der betroffenen Nostalgie-Sendungen sehr gerne sehen würde, habe ich aus der einfältig-antiquierten Präsentationsweise und dem bisherigen arroganten Verhalten von zdf.kultur die einzig richtige und mögliche Konsequenz ziehen müssen. Ich schalte zdf.kultur nicht mehr ein und habe diesen Sender aus der Programmliste meines Tuners gelöscht. Im Freundes- und Bekanntenkreis werde ich mich derzeit ausschließlich negativ über zdf.kultur äußern. Sobald ich den Medien entnehmen kann, dass der Rahmen entfernt wurde und zdf.kultur sich damit von einem PROGRAMM AUS SELBSTZWECK zu einem PROGRAMM FÜR ZUSCHAUER wandelt, werde ich zdf.kultur gerne wieder einprogrammieren und einschalten – vorher nicht!

Herr Schächter, Herr Dr. Langenfeld, Herr Polenz - bitte sprechen Sie ein Machtwort gegen diese gravierende Fehlentscheidung bei zdf.kultur! Für Ausgrenzung von Zuschauergruppen und bestimmten Inhalten per se sollte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kein Raum bestehen. Bitte sorgen Sie rasch dafür, dass die diskriminierende Präsentation der Fernsehklassiker mittels des aufgezwungenen Rahmens oder anderer stigmatisierender „Gimmicks“ unverzüglich wieder eingestellt wird. Für Ihre Bemühungen sage ich Ihnen bereits heute im Voraus herzlichen Dank.

Bis zu Ihrer geschätzten Rückantwort verbleibe ich mit den besten Grüßen,

Ihr c.n.-tonfilm